Im Gespräch mit Rudolf Simek

Rudolf Simek

Als Koryphäe in Fragen der älteren Germanistik ist Prof. Dr. Rudolf Simek spätestens seit dem „Lexikon der germanischen Mythologie“ und dank der viel beachteten Entstehungsgeschichte um den Film „Mara und der Feuerbringer“ von Tommy Krappweis mittlerweile auch einem jüngeren Publikum bekannt. Seine Veröffentlichungen über Germanen und Wikinger gehören international zu den Standardwerken. Nach dem Erscheinen der zweiten Auflage des Buches „Religion und Mythologie der Germanen“ im Jahr 2014 kam Prof. Simek abermals ins Gespräch, nachdem er sich im Rahmen des Vorwortes kritisch über moderne Bewegungen des germanischen Neuheidentums geäußert hatte. Sonja und Sven vom Roten Geysir haben nachgefragt:

Herr Simek, das Thema Mensch und Religion begleitet Sie ja schon sehr lange, neben Germanistik und Philosophie haben Sie auch katholische Theologie studiert. Was fasziniert Sie an der Frage, wie und was Menschen glauben?

Mich interessiert ja leider alles. (lacht) Vom Theologiestudium ausgehend bin ich Religionswissenschaftler und sehe das Ganze phänomenologisch. Mich interessiert einfach, wie verschiedene Ausdrucksformen von Religion oder meinetwegen auch Magie funktionieren und funktionieren können. Es geht mir um das Wie und das Was dahinter. Das Psychologische dahinter interessiert mich weniger.

Woher kam das Interesse an frühgermanischer Kultur und sind es heute noch dieselben Dinge wie zu Beginn Ihrer Laufbahn, die Sie für das Thema begeistern?

Zu dem ganzen Nordischen gekommen bin ich über die Wikingerschiffe, weil ich von klein auf einen Tick mit Schiffen und ganz besonders mit Wikingerschiffen habe. Als ich dann 1982 das Angebot bekam, das „Lexikon der germanischen Mythologie“ zu verfassen, hat mich die Neugier gepackt. Man wusste damals ja nicht viel darüber, es gab praktisch nur den ,De Vries‘ [Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte I-II, 2. Aufl. 1935-6; Anm. d. Red.] und die ganz alten Sachen zu meiner Zeit. Auch sonst gab es kaum Artikel oder Konferenzen, inzwischen ist das alles völlig etabliert. Mich interessieren immer die vernachlässigten Themen, darum bin ich jetzt bei dem mittelalterlichen Monster- und Dämonenglauben geendet, weil es da auch in manchen Bereichen erstaunlich wenig zu gibt.

Im Vorwort von „Religion und Mythologie der Germanen“ äußern Sie sich zum ersten Mal ausführlich und deutlich kritisch über Bemühungen in neuheidnischen Kreisen, die alten heidnischen Traditionen wiederzubeleben und/oder neu zu interpretieren. Haben Sie diese Entwicklungen aktiv verfolgt? Wie wurden Sie darauf aufmerksam?

Aufmerksam wurde man schon recht früh, es gab ja den früh verstorbenen Friedrich-Wilhelm Haak, der in „Wotans Wiederkehr“ über neuheidnische Bewegungen publiziert hat. Und meine Studenten trugen ihren Teil bei. 1995 habe ich in meiner ersten Vorlesung in Bonn über germanische Religionsgeschichte geredet und da habe ich erklärt, dass ich das Thema aus wissenschaftlicher Sicht betrachte, dass ich katholischer Theologe bin und kein Asengläubiger oder dergleichen und da standen in den hinteren Reihen einige auf und sind gegangen. Ein sehr interessierter Seniorstudent hat mich immer kritisiert, ich mache das zu wenig mit dem Herzen und da hab ich gesagt, da kann ich ihm nur Recht geben, weil ich mache es mit dem Kopf. Das ist mein Geschäft als Wissenschaftler.
Und ich habe ja auch meine Schwarz-Silbernen. So nenne ich die schwarz angezogenen Studenten, die wikingerzeitlichen Silberschmuck und Thorshämmer tragen. Nachdem ich dann einmal erklärt hatte, dass Thorshämmer größtenteils in Frauengräbern gefunden wurden, waren zum Ende der Stunde ganz viele dieser Thorshämmer verschwunden.

Das heißt sie haben diese Entwicklung schon mitgekriegt, aber nicht vorwiegend im negativen Sinne?

Nein. Religion ist ja etwas Kulturelles und wenn man wie ich als Österreicher katholisch akkulturiert ist, dann kommt einem alles andere natürlich erst etwas fremd vor. Ich finde auch englische ,low churches‘ ziemlich eigentümlich. Aus phänomenologischer Sicht ist das natürlich alles sehr interessant.

Auf Island existiert inzwischen eine blühende und stetig wachsende Ásatrú-Gemeinde, die sich explizit für eine moderne Interpretation der alten heidnischen Traditionen ausspricht. Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum können die Isländer auch auf eine umfangreiche folkloristische Überlieferung zurückgreifen.

Ein Kollege von mir, François Dillmann hat schon vor sicher 15 Jahren in Island nach Asenritus geheiratet. Dabei hat mich immer interessiert, wie macht man denn das. Wir wissen ja gar nichts über Heiratsriten aus der relevanten Zeit. Aus der Volkskunde weiß man, dass die meisten „uralten“ folkloristischen Traditionen, wie etwa das Jul- oder Mittsommerfest, so ungefähr zweihundert Jahre alt sind.

Aber diese Traditionen gehen doch schon auf einen alten Kern zurück?

Ja, ich glaube nicht, dass es neue Erfindungen sind, aber wie und was man da aufgegriffen hat und die meisten Sachen, die man zu einem folkloristischen Ritus gemacht hat, die haben sich erst in wenigen Jahrzehnten oder vielleicht höchstens hundert Jahren entwickelt.
John McKinnell hat in seinem Buch „Both One and Many“ schön gezeigt, dass es so etwas wie einen standardisierten Ritus im polytheistischen vorchristlichen Skandinavien und England vermutlich gar nicht gegeben hat, weil dazu weder die Kommunikations- oder Verkehrsbedingungen noch das Bedürfnis da war, es in Tromsø genauso zu machen wie in Winchester.

Letztlich kann man ja auch gar nicht von dem einen germanischen Heidentum sprechen, da es viele verschiedene Traditionsstränge auf unterschiedlichen lokalen und regionalen Ebenen gab.

Eben. Darum ist heute auch besser, eher von germanischen Religionen oder Polytheismen zu reden, wenn man ganz exakt sein will. Wir reden schließlich von einem Zeitraum von rund anderthalb Jahrtausenden und einem Raum vom gotischen Balkan bis nach Island. Dass das nicht standardisiert ist, ohne eine Buchreligion zu sein, die es ja nicht war, ist naheliegend.

In Ihrer Schrift „The Vanir: An Obituary“ (frei online zugänglich: RMN Newsletter Dec. 2010) weisen sie auf die extrem problematische Quellenlage hinsichtlich des Begriffes ,vanir‘ hin und plädieren mit gewichtigen Gründen dafür, die „Wanen“ als eigenständige „Götterfamilie“ neben den Asen als ein Missverständnis bzw. eine Konstruktion Snorris zu verwerfen. Was bleibt dann von den ,vanir‘ noch übrig?

Man hat mich, glaube ich, ein bisschen missverstanden in beiden dieser Artikel, denn mir ging es in erster Linie um die Bezeichnung ,vanir‘ und die hat Snorri auf die Göttergestalten Freyr, Freyja und Njörðr draufgelegt, weil er ja aus den Quellen wusste, die sind verwandt, so wird etwa Freyr als ,Vaningi‘ bezeichnet. Da hat er also assoziativ gearbeitet und geschlussfolgert, das seien die ,vanir‘. Das heißt aber nicht, dass es diese Gruppe, diese Dreiheit nicht gegeben hätte, aber die weiterführende Schlussfolgerung, dass das eine andere Götterfamilie ist, die mit den Asen Krieg geführt haben, das hat er, glaube ich, erfunden.

Bedeutet dies Ihrer Ansicht nach, dass es in vorchristlicher Zeit nur eine „Art“ von Entitäten gab?

Bezüglich der echten Götter: ja. Aber wir wissen ja zum Beispiel nicht, was diese ,alfar‘ waren und ob man sich die ,vanir‘ vielleicht nicht eher wie die Disen als weibliche Halbgötter vorgestellt hat. Ich glaube, es gab eine viel größere Bandbreite an Bezeichnungen oder Vorstellungen jenseitiger Wesen, als wir es aus der christlichen oder der klassischen antiken Mythologie kennen. Die Disen, diese schützenden Frauen sowie die Matronen, waren vielleicht wichtiger als sowas wie die ,vanir‘, aber wie will man so etwas beweisen?

Ein Problem dürfte doch auch sicherlich sein, dass aufgrund der Erfordernisse des Stabreims einfach verschiedene Wörter für dieselbe Sache verwendet wurden (wie etwa æsir, goð oder regin). Wenn diese Begriffe dann nur ein oder zweimal in den Quellen überliefert sind, können wir heute gar nicht mehr genau sagen, was genau damit gemeint war.

Richtig, ja. Außerdem dürfen wir den Zwang des Stabreims und des Binnenreims nicht vergessen und die Erfordernisse der Silbenzählung, die in den Skaldenstrophen so hoch waren, dass man die verschrobensten Ausdrücke heranziehen musste, um etwas auszudrücken.
Ich finde es auch ganz spannend, dass dort, wo wir vorchristliche Dichtung haben, wie etwa in der Húsdrápa oder Ragnarsdrápa, wo mythologische Szenen beschrieben werden, diese ganz anders ausschaut als die christliche Dichtung: also nicht anbetend, preisend, lobend oder verherrlichend, sondern deskriptiv, Szenen aus den mythischen Geschichten schildernd. Das unterscheidet sich doch ziemlich stark vom Christentum. Ich habe in meinem Buch „Mythos Odin“ Gedichte von Leuten gesammelt, die Oden an Odin geschrieben haben. Das ist aber eigentlich nicht wikingerzeitlicher oder mittelalterlicher heidnischer Stil. Auch in den überlieferten skandinavischen oder deutschen Zaubersprüchen, haben wir immer eine mythologische Szene, die – wie auch in den Skaldengedichten – beschrieben wird. Nur wird in den Zaubersprüchen gesagt: Das ist damals passiert in ,illo tempore‘ (in der mythischen Zeit), so soll es jetzt auch sein! Ich glaube, dass das Heidentum vielleicht sehr stark so funktioniert hat. Das ist natürlich etwas, was man in jeder Religion bis hin zu den australischen Aborigines macht: Man wiederholt eine Vorbildhandlung, die irgendwann einmal passiert ist. Vielleicht liegen wir bei unserem Studium des Polytheismus mit unserer Trennung von Kult und Mythologie etwas daneben. Ich denke, dass diese Dinge viel enger miteinander verknüpft waren.

Sie haben neben ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher verfasst und suchen auch in Zusammenarbeit mit Tommy Krappweis vermehrt Kontakt zu interessierten Laien.

Haben Sie die Bücher zu „Mara und der Feuerbringer“ gelesen? Besonders der dritte Band, da kann man nicht mehr an sich halten vor Lachen. Da trifft der Professor auf seine Exfrau und auf Ratatoskr, das Express-Eichhörnchen. Das hat er [Tommy Krappweis, Anm. d. Red.] so witzig geschildert, das ist zum Totlachen. Lesen Sie die Bücher! (lacht)

Für wie wichtig halten Sie die Vermittlung zwischen wissenschaftlicher Forschung und interessierter Öffentlichkeit? Sie scheinen ja doch den Austausch zu suchen.

Das habe ich von meinem isländischen Lehrer Hermann Pálsson, der ja in England quasi eigenhändig dafür verantwortlich ist, dass die Sagas dort so unter das Volk gekommen sind. Und ich glaube, dass das wichtig ist. Natürlich hatten wir einen Boom in unserem Fach, aber leider in der Nazizeit. Wenn man unser ganzes Fach jetzt nicht verenden lassen will, dann muss man es auch unter die Leute bringen. Sonst weiß ja niemand was davon.

Es werden ja immer noch viele sehr alte und längst überholte Bücher nachgedruckt, die einen extrem veralteten Stand der Forschung – teils aus dem 19. Jahrhunderts – vermitteln.

Ja, die drucken immer noch die „Golther-Mythologie“ nach, die ist über hundert Jahre alt. Es hilft uns nicht, veraltete Erkenntnisse wiederholt zu publizieren. Da ist es besser, man geht auf die Cons und erklärt es den Leuten auf unterhaltsame Weise, als nur fachwissenschaftliche Artikel zu publizieren, die dann von meinen vierundzwanzig Kollegen, die auf der Welt verstreut sind, gelesen werden. Das bringt uns nicht wirklich weiter. Ich bin jetzt, glaube ich, bei meiner neunzehnten Doku fürs Fernsehen und dazu bekomme ich dann viele E-Mails mit Nachfragen.

Wie viele E-Mails davon beantworten Sie denn und gibt es auch welche, wo Sie nur mit dem Kopf schütteln?

Außer auf E-Mails, in denen mir Weltverschwörungstheorien nahe gebracht werden sollen, bemühe ich mich auch wirklich, alle zu beantworten, denn es gibt keine dummen Fragen. Jetzt kürzlich kam ein Schwung, da wurden wohl kurz hintereinander Dokumentationen zu Germanen und Wikingern in der Schweiz gezeigt und da kam eine Reihe von Fragen aus der Schweiz. Ich finde das gut, dass die Leute sich bei Interesse an die Uni wenden. Zwar nimmt das manchmal einen guten Teil meiner Zeit ein, aber ich werde ja auch schließlich von Steuergeldern bezahlt, insofern ist das nur legitim.

Wenn sich mittelfristig eine lebendige moderne Weltanschauung, die sich auf die alten Traditionen und die Asen-Verehrung bezieht, entwickeln sollte, was würden Sie sich für diese Entwicklung wünschen? Was würde Sie freuen, was würde Sie ärgern?

Was ich nicht möchte ist, dass es noch stärker, als es schon ist, in die rechte Ecke driftet. Das ist mein größtes Problem damit. Was jeder in seinen eigenen vier Wänden oder meinetwegen im Wald macht, ist ein anderes Thema, aber die Ideologisierung nach weit rechts außen, die macht mir Sorgen. Das ist ein Spagat, den meine Kollegin Ute Drews in Haithabu seit Jahrzehnten macht, wenn sie versucht, Wikinger-Reenactor und Handwerker anzuziehen, weil das ja eigentlich sehr spannend ist, aber andererseits rechtsradikale Gruppen auszuschließen.

Verständlich. Vor allem in den 80er- und 90er-Jahren war dies im deutschsprachigen Raum noch ein weitaus größeres Problem, da diese Gruppen damals deutlich dominanter waren. Inzwischen findet aber ein deutlich kritischerer Umgang und eine aktive Abgrenzung zu solchen Gruppen innerhalb der heidnischen Bewegung statt.

Es ist gut zu hören, dass es da offenbar aus heidnischen Kreisen inzwischen klare Gegenbewegungen und Abgrenzung gibt, da ich am Anfang, in den 80er-Jahren von den Rezensionen und Leserbriefen her, doch beunruhigt war.

Herr Simek, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch genommen haben!

Ja, kein Problem. Ich hoffe, ich habe Ihnen geholfen!

Sven

Originator and main contributer of "Der Rote Geysir"

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1 Antwort

  1. Hallo Sven
    Sehr gutes Thema, der Artikel macht wirklich Lust auf mehr.
    Leider konnte ich keine Newsletter Anmeldung finden.
    Deine Artikel wären das gute Kontrastprogramm zu meinen sonstigen Newsletter Eingängen.
    Leider findet man (momentan) nicht sehr viele gute Blogs zum Thema Heidentum.
    Danke dafür, dass du das änderst!
    Liebe Grüße
    Stefan

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