Jenseits von Scandza: Die Wiederentdeckung der altsächsischen Welt

Scandia und Saxonia

Als ich vor etwas über zwei Jahren das „Roter Geysir“-Projekt gestartet habe, ging es mir vor allem darum, archäologische Funde und Inhalte, die bislang kaum öffentlich bekannt sind, in den Vordergrund zu rücken. Es gibt unzählige, sehr spannende Themen, die praktisch nie die akademischen Welt verlassen; und dass obwohl es viele Menschen gibt, die sich dafür interessieren würden. Das liegt zum einen natürlich an der erschwerten Zugänglichkeit von Fachartikeln (was kann man wo finden?) zum anderen aber auch schlicht an der geringen Zahl populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen!

Und dann sind da noch diese Wikinger… Wie kein zweites Thema dominiert und prägt das Skandinavien des 9. bis 11. Jahrhunderts die Wahrnehmung des historischen Heidentums und damit letztlich auch die modernen Bestrebungen zu dessen Revitalisierung. Wie viele abertausend Fachbücher, Romane, Filme, Serien und Comics schon über diese kurze Zeitperiode von grade einmal 250 Jahren veröffentlicht wurden, überblickt wohl niemand mehr! Es ist beispiellos, gleichzeitig aber auch sehr verständlich: Das ganze Thema ist einfach unheimlich vielschichtig und spannend! Die Skandinavier (wie auch die Slawen und Balten) waren nicht zuletzt wegen ihrer geographischen Randlage lange Zeit vom Vordringen des Christentums verschont geblieben und konnten so ihre alten Traditionen bis zur ersten Jahrtausendwende erhalten. Dank dem Sonderfall Island haben sich viele Gedichte und Mythen aus heidnischer Zeit erhalten, wo in anderen Zeiten und Räumen längst christlicher Fanatismus oder schlicht der Nebel des Vergessens jede Erinnerung ausgelöscht hat. Durch die im Verlaufe des Mittelalters immer umfangreicher werdende literarische Kultur und dem großen Aktionsradius der Wikinger haben wir heute neben den Mythen auch sehr viele (allerdings meist einseitige) historische Überlieferungen aus jener Epoche.

Nordseeküste

Es sind diese Faktoren, die diesen Raum und diese Zeit so besonders und das Thema so beliebt und greifbar machen. Aber die Wikingerzeit war nur eine sehr kurze und regional begrenzte Episode der germanischen Kulturgeschichte. Sehr viele andere Zeiten und Räume sind dagegen heute weitestgehend aus dem Blickfeld verschwunden und kaum bekannt, obwohl auch sie sehr viel Spannendes zu bieten haben.

Einer dieser Zeit-Räume ist das frühmittelalterliche Altsachsen1 im heutigen Nordwestdeutschland und dem Osten der Niederlande. Drei Jahrhunderte lang trotzte dieser Raum dem aus Süden und Westen vordringenden Christentum (siehe Artikel beim Roten Geysir). Die lose miteinander verbundenen Stämme der Altsachsen waren dabei nicht nur imstande sich gegenüber dem Frankenreich zu behaupten, sie konnten diesem mächtigsten Reich Europas seit dem Untergang Roms dazu sogar noch große Geländegewinne im heutigen Westfalen abringen; Landstriche in denen bis heute niedersächsische Dialekte gesprochen werden. Die Altsachsen vermochten all das, ohne in einem zentral organisierten, mächtigen Königstum vereint zu sein. Im Gegenteil handelte es sich um viele einzelne Stämme, die wohl teils von kleineren, lokalen Machthabern und teils von proto-demokratischen Thing-Versammlungen regiert wurden. Diese dezentrale und tendentiell weniger streng-hierarchische Gesellschafts- und Regierungsform war tragischerweise letztlich auch der entscheidende Schwachpunkt der altsächsischen Gesellschaft in einem von Königen (d.h. Diktatoren) beherrschten (proto-)feudalistischen Europa.

Altsachsen

Erst nach über 30-jährigem Krieg konnte das Altsächsische Thingdom (angelehnt an Kingdom / Königtum) schließlich durch die christlich-fränkischen Invasoren besiegt werden. Bis dahin war dieser Raum faktisch ein heidnisches Bollwerk, das für etwa dreihundert Jahre jedes weitere Vordringen des Christentum in den Norden blockierte! Nicht zuletzt aus diesem Grunde konnten die germanisch-pagane Kultur im Norden zu einem letzten grandiosen Höhepunkt gelangen! Der Untergang Altsachsens fällt zeitlich genau mit dem Beginn der Wikingerzeit zusammen – und das ist kein Zufall: Viele Forscher sind heute sogar der Ansicht, dass die ersten Wikingerüberfälle auf englische Klöster und fränkische Siedlungen eine direkte Reaktion auf die Kriege und Missionierungswellen (meist getragen von angelsächsischen Klerikern) gegen die Altsachsen waren. Widukind, einer der Anführer des heidnischen Widerstands, nutzte Dänemark nachweislich als Rückzugsraum und hatte enge (möglicherweise durch Heirat auch familiäre) Verbindungen mit dem dänischen König Sigfred.2

Neben dieser historischen Dimension hat der altsächsische Raum aber auch in literarischer Hinsicht einige höchst spannende Quellen zu bieten. Im direkten Vergleich mit dem gewaltigen Umfang der altnordischen Literatur wirken die wenigen überlieferten Schriften zur altsächsichen Geschichte und Religion zwar recht überschaubar, bei einer genauere Betrachtung wird jedoch ihr besonderer Wert deutlich: Anders als etwa die schriftlichen Überlieferungen der Edda, die erst 200 Jahre nach Beginn der Christianisierung niedergeschrieben wurden, sind die altsächsischen Quellen zeitlich unmittelbar während der Missionierungszeit im 8. und 9. Jahrhundert entstanden. Zu einem Zeitpunkt also, wo das altsächsische Heidentum noch überall für jeden gelehrten Schreiber und Kleriker omnipräsent war. Obwohl praktisch all diese Quellen von christlichen Gelehrten und Feinden der Altsachsen stammen, sind sie dennoch von unschätzbaren Quellenwert.

Historische Quellen zum altsächsischen Heidentum

Eine dieser wenig bekannten Schriften ist der Indiculus superstitionum et paganiarum (Kleines Verzeichnis des Aberglaubens und des Heidentums), ein zur Zeit der Sachsenkriege am Ende des 8. Jahrhunderts verfasstes Verzeichnis altsächsisch-heidnischer Praktiken, von dem leider nur das Inhaltsverzeichnis erhalten geblieben ist. Trotzdem weiß man dadurch etwa, dass die Altsachsen explizite Heiligtümer für Wodan und Thunaer (in der lateinischen Originalfassung: Merkur und Jupiter genannt) sowie Quell- und Waldheiligtümer hatten. Auch ist die Rede von heiligen Schreinen, also kleineren Kultgebäuden, die archäologisch bislang noch nie gefunden werden konnten. Bezüglich Kulthandlungen ist die Rede von bestimmten Festmählern im Februar, Opferhandlungen an Gräbern und die Opferung von Getreide und Tüchern. Eine authentische Auflistung heidnischer Kultpraktiken also, die wohl mit dem Ziel verfasst wurde, Missionaren einen Überblick über die spirituelle Geisteswelt der heidnischen Altsachsen zu geben.

Merseburger Zaubersprüche

Die bekannteste Überlieferung des altsächsischen Heidentums dürften wohl zweifelsohne die zwei Merseburger Zaubersprüche (MZ) sein, die in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich sind (siehe Bild oben: Sie nennen nicht nur zahlreiche Götternamen Jahrhunderte bevor sie in den Quellen des Nordens auftauchen, so etwa Wodan, Balder, Frija, Fulla und die Idisi (d.h. Disen), sondern sie zählen zugleich auch zu den ältesten vollständig erhaltenen Zaubersprüche überhaupt. Die im Hávamál enthaltene 18 Sprüche des Ljóðatal sind dagegen leider nicht vollständig. Sie enthalten nur den ersten, den mythologischen Rahmen und die Wirkung beschreibenden Teil (beim 2. MZ: Phol und Wodan ritten ins Gehölz, dort wo Balders Fohlen sein Fuß verrenkte…), niemals aber den eigentlichen Zauberspruch (2. MZ: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern…).

Die wohl umfangreichste und zugleich am meisten unterschätzte altsächsische Quelle ist jedoch der im 9. Jahrhundert verfasste Heliand. In knapp 6000 stabreimenden Langzeilen erzählt dieser Großepos die Geschichte von Jesus Christus in germanischer Erzähltradition für ein altsächsisch-heidnisches Publikum. Zum Zweck der Bekehrung hat der unbekannte christliche Verfasser des Heliands zahlreiche inhaltliche Veränderungen vorgenommen, um die biblische Geschichte für germanische Heiden schmackhaft (bzw. erträglich) zu machen. So wird Jesus zu einem Gefolgschaftsherren umgedeutet, der standesgemäß auf einem Streitross (statt einem Esel) nach Jerusalem einreitet. Szenen, in denen Jesus‘ Verhalten von einem altsächsischen Hörer als schwächlich oder gar unehrenhaft aufgefasst werden könnte, hat der Verfasser vorsichtshalber gleich ganz raus gelassen.

Dann lobten sie den Hevanskönig (~Himmelskönig), die Leute,
sagten, daß niemals wäre an dies Licht gekommen
ein weiserer Wahrsager, oder daß er Gewalt von Gotte
in diesem Middilgard größere hätte, und mächtigeren Hugi [~Sinn/Verstand].

– Heliand 2874–2878

Der eigentliche Schatz des Heliand liegt aber in der Wortwahl: Um die Erzählung und die christlichen Konzepte für einen heidnischen Hörer verständlich zu machen, musste der Autor zahlreiche Begriffe der heidnischen Geisteswelt benutzen und sie in seine Geschichte einbetten. So werden etwa die aus den altnordischen Quellen bekannten Wörter wurd (fem., altnord. urðr) und hugi (mask.) unzählige Male in verschiedensten Kontexten verwendet. Ihre Bedeutung wird dadurch deutlich klarer, als es aus den wenigen Nennungen der poetischen Quellen des Nordens möglich wäre. Der Heliand bezeugt eindeutig, dass es sich bei der Wurd um eines der zentralsten Konzepte der altsächsischen Weltsicht überhaupt handeln muss. Sie war offensichtlich so tief im Bewusstsein der Menschen verwurzelt, dass der Autor des Heliand erst gar nicht versucht hat, sie zu leugnen oder zu widerlegen. Stattdessen behauptet er einfach nur, dass Jesus und Gott jenseits dieses allmächtigen Schicksals stehen. Der Wert des Heliand für das Verständnis und die Rekonstruktion germanisch-spiritueller Konzepte ist bislang unter den modernen Anhänger des alten Pfades noch kaum richtig erkannt worden. Vermutlich weil eine christlichen Evangelienharmonie über das Leben Jesu Christi nicht gerade wie eine bedeutende Quelle heidnisch-spriritueller Ideen wirkt; das Potential, welches im Heliand steckt, ist jedoch enorm!

Da kam auch der Wurd Entscheidung, für den odag-habenden [→reichen] Mann,
die Orlagweile [~Schicksalsstunde], daß er dies Licht verließ.
Leidige Wichte versenkten seine Siole [=Seele] in die schwarze Hel,
in das Fern [~Feuer] hinein, den Feinden zu Willen [→zur Freude]
begruben ihn in der Gramen [~Gram erfüllten Leute] Heim.

– Heliand 3354–3359

Diese Beispiele machen deutlich, wie lohnenswert eine nähere Beschäftigung mit dieser unterschätzten Zeit und Region, dem frühmittelalterlichen Altsachsen, sein kann. Gemäß der Ausrichtung des Roten Geysirs, sich besonders den weniger bekannten Themen zu widmen, befassten sich auch einige der letzten Artikel mit dieser Region. Das soll auch in Zukunft so bleiben!

In vielerlei Hinsicht sind Skandinavien und Altsachsen zwei nahe verwandte Kulturregionen, wobei der altsächsische Raum für Jahrhunderte das Medium war, durch welches der Austausch zwischen Skandinavien und dem restlichen kontinentalgermanischen Kulturraum stattfand. Auch in Hinsicht ihrer Bevölkerungszahl ähneln sich die Räume heutzutage (siehe Grafik); und wohl auch im Frühmittelalter werden diese Verhältnisse in etwa ähnlich gewesen sein.

Bevölkerungsvergleich Skandinavien und Saxonia

Vergleich der Bevölkerungszahlen zwischen Skandinavien und der Niedersächsischen Kulturregion (Saxonia).

Eine interaktive Karte des altsächsischen Kulturraums

Ausgehend von der Idee, das reiche heidnische Kulturerbe Altsachsen nicht zuletzt auch seinen eigenen Bewohnern bekannter zu machen, soll ein langfristig angelegtes Kartenprojekt entstehen. Das Ziel ist die Erstellung einer interaktiven Karte, die historische, kulturelle und naturräumliche Orte und Überlieferungen verzeichnet und sie somit für jedermann lokal zugänglich macht.
Den Anfang macht ein kleiner Datensatz zu den historischen Orten der Sachsenkriegen sowie den vorgeschichtlichen Burgen und Festungen, die noch heute überall in der Landschaft Nordwestdeutschlands ihre Spuren hinterlassen haben. Die Karte soll es ermöglichen mit diesem regionalen und lokalen Kulturerbe leichter in direkten Kontakt zu treten und zugleich dabei zu helfen, es vor dem Vergessen zu bewahren. Der Vorteil eines solchen Kartenprojekt ist, dass es nicht von Anfang an vollständig sein muss, sondern nach und nach erweitert und verbessert werden kann. Das Ziel ist es letztlich ein umfassendes, geographisches Verzeichnis der heidnische Kulturlandschaft Altsachsen zu erstellen. Der zeitliche Rahmen, zumindest was die historischen Orte betrifft, umfasst dabei alle Zeitalter vom Neolithikum bis hin zur Christianisierung im 8. und 9. Jahrhundert. Die geographischen Grenzen des zu kartierenden Raumes sind dabei in etwa deckungsgleich mit dem heutigen Verbreitungsgebiet der Niedersächsischen Sprache (auch Westniederdeutsch oder schlicht Plattdeutsch genannt) und umfasst somit einen etwas größeren Bereich als das historische Siedlungsgebiet der Altsachsen.

Unter folgendem Link kann der erste Prototyp dieser Karte eingesehen werden:

https://umap.openstreetmap.fr/de/map/noordwestland_344198

Noordwestland Beispiel

Fußnoten

1.   Der Begriff Altsachsen wird für das historischen Volk der Sachsen gebraucht, um Verwechselungen mit den Bewohnern des heutigen Bundeslandes Sachsen zu vermeiden, die keine kulturelle Verbindungen mit den echten (Nieder-)Sachsen Nordwestdeutschlands haben. Zu dieser Namenswanderung siehe: http://sachsengeschichte.de/namenswanderung. (zurück)
2.   Vgl. etwa Winroth 2012, 12 ff. (zurück)

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Sven

Originator and main contributer of "Der Rote Geysir"

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1 Antwort

  1. Grimold der Willensstarke sagt:

    Toller Artikel, habe sofort den „Heliand“ bestellt. Auf Deutsch, sowie auf Englisch. Du hast da wirklich Recht und hast mich da umbewegt.

    Ich habe das Gefühl, dass in unserer Zeit viel bewegt werden wird. Etwas schwelt im Boden, dass ich noch nicht genau benennen kann. Jetzt muss man an dessen Enthüllung arbeiten.

    Mehr dazu am 05. Oktober! Bin echt gespannt.

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