Wodan und die skandinavischen Kriegsfürsten

Wodan

Die überragende Rolle Wodans als Allvater der altnordischen und insbesondere eddischen Überlieferung ist heute für die meisten eine Selbstverständlichkeit, eine altbekannte Tatsache. Doch genau wie sich das Heidentum im Laufe der Jahrhunderte immerzu in Symbiose mit Kultur und Gesellschaft verändert hat, so war auch die Rolle des Wodans im steten Wandel. Wie aber wurde er zu dem alfǫðr Óðinn der späten Wikingerzeit und wie war seine Stellung in den Jahrhunderten davor?

Joshua Rood von der Universität Island hat sich dieser Fragen in seiner im Mai 2017 fertiggestellten MA-Arbeit angenommen und die Entwicklung Wodans vor dem Hintergrund der großen sozio-politischen Veränderungen während der Völkerwanderungs- und Vendelzeit untersucht. Dankenswerterweise wurde dieses äußerst lesenswerte Werk mit dem Titel „Ascending the Steps to Hliðskjálf. The Cult of Óðinn in Early Scandinavian Aristocracy“ frei online zugänglich gemacht und kann über folgenden Link erreicht werden:

Joshua Rood 2017: Ascending the Steps to Hliðskjálf

Das Hauptaugenmerk seiner Arbeit legt Rood auf die enge Verknüpfung der sich im Laufe der Völkerwanderungszeit immer stärker herausbildenden Krieger-Elite mit der Figur des Wodans. Diese neue, auf militärische Macht fußende Oberschicht ist die treibende Kraft hinter den großen Umbrüchen jener Zeit. Sie ist es, die die alte Welt der germanischen Stämme und der egalitären Thing-Ordnung zerschlägt und die Errichtung von Königreichen und mächtigen Herrscher-Dynastien vorantreibt. Vor diesem Hintergrund findet eine bewusste und zielgerichtete Instrumentalisierung Wodans durch diese Eliten statt. Ihre Absicht ist eindeutig: es geht um die Stärkung und Legitimierung ihres eigenen Herrschafts- und Machtanspruchs. Allmählich entwickelten sie Wodan zum allmächtigen Asen, dem alle anderen Untertan sind. Eine Stellung die ganz ihrem eigenen Selbstverständnis entspricht. Es wundert daher auch kaum, dass Wodan als Stammvater in vielen Stammbäumen eben dieser mächtigen Herrscherfamilien genannt wird.1

Das Erbe des Römischen Imperiums

Die Vorlage für diese Entwicklung stammt aus dem Süden. Es ist das Erbe des Römischen Imperiums mit seinen nahezu grenzenlos mächtigen Kaisern. Den fränkischen Merowinger war dieser längst vergangene Glanz ein Vorbild für ihre eigenen Ambitionen. Ein Traum, der Wirklichkeit werden sollte. Bereits im 6. Jahrhundert herrschen die Frankenkönige über das größte und mächtigste Reich Europas seit dem Fall Roms. Der Einfluss und die Anziehungskraft dieses Staatengebildes reichen weit über seine Grenzen hinaus. Von dort aus gelangen nicht nur materielle Güter, sondern auch neue Ideen und Konzepte in den Norden. Die skandinavischen Eliten waren zweifelsohne beeindruckt von ihrem mächtigen Nachbarn und übernahmen viele Dinge, die ihnen nützlich schienen. Ein Beispiel für diese Entwicklung stellen die Medaillon-Imitationen und die bekannteren Goldbrakteaten des 5. und 6. Jahrhunderts dar (siehe Beitragsbild). Sie entstanden an den Höfen der mächtigen südskandinavischen Herrscherfamilien und kopieren unmittelbar alte römische Kaisermedaillons, die in den Norden gelangten. Doch statt dem römischen Kaiser wird auf ihnen die Idealversion eines nordischen Herrschers abgebildet. Neben zeittypischen Symbolen der Macht sind auch zahlreiche Elemente vorhanden, die eine Identifikation der abgebildeten Figur mit Wodan selbst erlauben. So etwa ein Speer oder begleitende Vögel sowie die Abbildung magischer Handlungen, darunter etwa die aus dem zweiten Merseburger Zauberspruch bekannte Pferdeheilung.2

Mit der Herstellung und Verbreitung dieser wertvollen Goldbrakteaten konnten die nordischen Kriegsfürsten neben der Zurschaustellung von Wohlstand und Macht vor allem auch eine Verknüpfung zwischen sich selbst und Wodan herstellen und verfestigen. Man darf davon ausgehen, dass neben solchen Bildern auch Dichter zur Propagierung der gewünschten Botschaften eingesetzt wurden. Denn genau wie Kunsthandwerker waren auch sie stark von der Gunst der Mächtigen abhängig. Wie gut diese Strategie aufgegangen ist, wird auch in Roods Arbeit deutlich. So konnte er nachweisen, dass sich die Bedeutung Wodans zusammen mit der Macht der nordischen Herrscherfamilien immer weiter erhöhte, bis sie zuletzt den aus den altnordischen Quellen bekannten Stand erreichten.

Wodan im Wandel der Zeit

Viele der bekannten Aspekte Wodans werden auch bereits in früheren Zeiten vorhanden gewesen sein. Dennoch ist es denkbar, dass im Zuge seines Bedeutungszuwachses einige seiner Eigenschaften von anderen Asen auf ihn übertragen wurden. So ist es auffällig, dass der schon aus den frühsten Quellen bekannte und in einer Reihe mit Wodan und Thor genannte Tiwaz (altnord. Týr) in der späten eddischen Überlieferung praktisch überhaupt keine Rolle mehr spielt. Wie bedeutend er aber gewesen sein muss, verdeutlicht neben seiner Verewigung im Wochennamen „Dienstag“ auch die Verwandtschaft seines Namens mit dem griechischen Zeus und dem proto-indoeuropäischen Wort *déiu̯os, was so viel bedeutet wie „Himmlischer“ oder schlicht „Gott“. Möglicherweise wurden manche seiner Eigenschaften, wie etwa seine Rolle als Kriegsgott, auf Wodan übertragen, da Tiwaz‘ enge Verknüpfung mit der altgermanischen Thing-Ordnung (Mars Thincsus) den neuen Eliten ein Dorn im Auge war. Denn schließlich lief diese frühe Form von Demokratie ihrem Herrschaftsanspruch unmittelbar zuwider.

Roods Arbeit verdeutlicht einmal mehr wie stark sich despotische Eliten zu allen Zeiten der kultischen Sphäre bedienten, um ihren Machtanspruch zu untermauern und zwar nicht nur in Rom sondern auch – wenngleich wohl in abgeschwächter Form – im germanischen Raum der Völkerwanderungszeit und späterer Jahrhunderte. Der „Allvater“ der altnordischen Überlieferung, der mit den heldenhaft gefallenen Krieger in Vallhöll feiert, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt erst durch diese despotisch-militaristische Elite erschaffen. Das sollte man besonders heute bei der Neubelebung des alten Pfades nicht aus dem Hinterkopf verlieren. Schließlich war das alte Heidentum stets aufs engste mit der Kultur sowie der gesellschaftlichen und politischen Realität seiner Zeit verflochten.

Nichtsdestotrotz gehört Wodan zu den bedeutendsten Asen und ist einer der wenigen, die auch schon in den frühsten Quellen indirekt erwähnt werden. Unabhängig davon, wann welche Eigenschaften dazu kamen oder an Bedeutung gewannen, hat er auch ohne seine Funktion als „Allvater“ und Krieger-Herrscher genügend Tiefe. Unzweifelhaft zählt er zu den vielfältigsten Figuren der heidnischen Welt. Welche seiner vielen Aspekte in Zukunft dominieren werden, wird die Zeit zeigen. Sei es sein Forscherdrang und seine Weisheit oder seine Zauber- und Dichtkunst, fest steht nur eins: Wodan war und ist im steten Wandel, sowie es das Heidentum und der Rest der Welt auch ist.


Fußnoten:

1. Zu finden etwa in den Stammbäumen der Angelsächsischen Chronik. (zurück)
2. Mehr dazu in Heizmann/Axboe 2011: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Auswertung und Neufunde. (zurück)

Sven

Originator and main contributer of "Der Rote Geysir"

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1 Antwort

  1. Markus Nicklas sagt:

    Vielen Dank. Gelesen.

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