Frühe Thorshammer-Anhänger außerhalb Skandinaviens

Thorshammer-Anhänger außerhalb Skandinaviens

Die Thorshammer-Anhänger der Wikingerzeit sind vermutlich die bekanntesten und beliebtesten Hinterlassenschaften der heidnischen Vorzeit überhaupt. Sie werden heute von Millionen Menschen weltweit getragen, sei es als Zeichen der Verbundenheit mit der nordischen Tradition oder als einfache Schmuckstücke.

Zu den bekanntesten Thorshämmern zählen zweifelsohne die beiden aus Hortfunden des 10. Jahrhunderts stammenden Anhänger von Bredsättra (Öland) und Erikstorp (Östergötland) sowie der Thorshammer aus Skåne, der ohne genauen Fundort überliefert ist. Alle drei Anhänger wurden aus getriebenem Silberblech hergestellt und sind mit ihrer aufwendigen, detaillierten Verzierung durchaus einmalig (siehe Abb. 1a–c). Leider wurden diese drei schwedischen Thorshämmer bereits sehr früh, zwischen 1790 und 1877 entdeckt und unfachmännisch geborgen. Die genauen Fundzusammenhänge sind daher heute nicht mehr genau nachvollziehbar.1 Weitaus häufiger als solche außergewöhnlichen Exemplare sind hingegen schlichter gehaltenen Thorshammer-Anhänger mit Punzverzierung. Der wohl bekannteste Thorshammer in diesem Stil stammt aus Rømersdal von der dänischen Insel Bornholm (Abb. 1d).

Thorshammer-Anhänger von Bredsättra, Erikstorp, Skåne und Rømersdal

Abb. 1: Die Thorshammer-Anhänger von a. Bredsättra, b. Erikstorp, c. Skåne und d. Rømersdal.

An diesen vier genannten Exemplaren orientieren sich heutzutage sehr viele der im Handel erhältlichen Thorshammer-Anhänger. Die Vielfalt dieser Amulette ist jedoch erheblich größer. Thorshammer-Anhänger wurden in vielen verschiedenen Formen und aus praktisch jedem nur erdenkbaren Material hergestellt. So gibt es Thorshämmer aus Eisen, Bronze, Silber, Gold, Pressblech, Bernstein, Blei und sogar Sandstein, wie ein erst kürzlich auf Island gefundener Thorshammer verdeutlicht.2 Selbst der charakteristische kurze Stiel des Hammers, wie er in Snorris Prosa-Edda3 und Saxos Geschichte der Dänen4 erwähnt wird, ist kein universelles Merkmal.5 Die Thorshammer-Funde beschränken sich zudem nicht allein auf Skandinavien. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über einen großen Raum von Irland im Westen bis hin nach Moskau in die Osteuropäische Tiefebene. In diesem Beitrag soll daher einmal der Blick auf einige Funde außerhalb Dänemarks und Schwedens, dem Hauptverbreitungsgebiets der Thorshammer-Anhänger, gerichtet werden. Genauer gesagt auf eine kleine Gruppe bemerkenswerter Funde aus dem südlichen Nordseeküstenraum und seinem Hinterland: dem Siedlungsgebiet der Altsachsen und Friesen.

Das Alter der Thorshammer-Anhänger

Es ist kein leichtes Unterfangen, einen guten Überblick über die Formenvielfalt und die zeitliche wie räumliche Verteilung der Thorshammer-Anhänger zu bekommen. Denn bis heute gibt es leider noch immer keine umfangreiche Forschungsarbeit, die sich alleine den mittlerweile wohl über 150 bekannten Exemplaren6 gewidmet hat. Die letzte größere Bearbeitung des Themas ist Jörn Staecker zu verdanken, der sich in seiner Dissertation über Kreuz- und Kruzifixanhänger unter anderem auch mit den Thorshämmern beschäftigt hat.7 Staecker nimmt darin eine erste formenkundliche Klassifikation vor und datiert den Großteil der Thorshammer-Anhänger grob in das 10. bis 11. Jahrhundert. Leider ist seine Arbeit mittlerweile knapp 25 Jahre alt und zudem auf (Alt-)Dänemark und Schweden beschränkt. In der Zwischenzeit wurden jedoch viele spannenden Neufunde gemacht. Eine umfangreiche Neubearbeitung des Stoffes wäre daher dringend notwendig.

Thorshammerring aus Birka

Abb. 2: Ein eiserner Thorshammerring aus Birka (Foto: Ola Myrin, SHMM: CC BY 2.5 SE).

Es ist unzweifelhaft, dass die meisten Thorshammer-Anhänger während des 10. und 11. Jahrhunderts getragen wurden. Sie stehen somit in einem direkten zeitlichen Zusammenhang mit der Christianisierung Skandinaviens. Allerdings kann der Brauch Thorshämmer zu tragen nicht allein eine Reaktion auf die Ausbreitung des Christentums gewesen sein. Dafür sprechen einige frühe Exemplare, die in und um Birka gefundenen wurden. Diese sogenannten Thorshammerringe (siehe Abb. 2) tauchen bereits im 9. Jahrhundert auf und unterscheiden sich stark von den üblichen Thorshammer-Anhängern. Anstatt eines einzelnen Anhängers finden sich bei ihnen viele kleine Miniaturhämmer und Ringe, die an einem großen Eisenring befestigt sind. Da die meisten Thorshammerringe aus Brandgräbern stammen, lässt sich nur schwer sagen, wie und wo genau sie getragen wurden. Jedoch gibt es vereinzelte Funde aus Körpergräbern, die für eine Trageweise als Halsring sprechen.8

Thorshammer-Funde aus England

Doch Thorshammer-Anhänger wurden nicht nur in Skandinavien gefunden. Weitere frühe Thorshammer-Anhänger stammen aus den Wikingerlagern von Repton und Torksey, die während der Anwesenheit des „Großen Heidnischen Heeres“ in England zwischen 872 und 874 angelegt wurden.9 Der Thorshammer von Repton (Abb. 3) etwa wurde im Grab eines ca. 40-jährigen Kriegers gefunden, der den Verletzungen nach sein Leben im Kampf verloren hat. Der Thorshammer befand sich an einer mit Perlen geschmückten Kette am Hals des Mannes.10 Dieser spannende Befund belegt den Thorshammer-Brauch bereits in der zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts und widerspricht zugleich auch der These, dass Thorshammer-Anhänger praktisch ausschließlich von Frauen getragen wurden. Diese gerne wiederholte Behauptung beruht auf der Beobachtung dänischer Grabfunde: Dort scheinen tatsächlich nur Frauen mit dem Thorshammer bestattet worden zu sein. In Schweden ist das Geschlechterverhältnis jedoch ziemlich ausgeglichen, was darauf hindeuten könnte, dass es in Dänemark vielleicht unüblich war, verstorbene Männer mit dieser Art Schmuck bzw. Amuletten zu bestatten.11 Es ist ein altbekannter, methodischer Fehler von den in den Gräbern gefundenen Gegenständen auf die tatsächliche Lebenswirklichkeit der Bestatteten zu schließen. Diese kann, muss aber nicht deckungsgleich gewesen sein.12

Was die zahlreichen „englischen“ Thorshämmern betrifft, so zeigen die Fundkontexte deutlich, dass es sich um skandinavische Erzeugnisse handelt, die mit der Expansion der Wikinger auf die britischen Inseln gekommen sind. Zweifelsfrei angelsächsische Thorshämmer sind bislang nicht bekannt.

Grab 511 von Repton mit Thorshammer-Fund

Abb. 3: Grab 511 von Repton mit silbernen Thorshammer-Anhänger (nach Biddle & Kjølbye-Biddle 1992, 42–43 fig. 4–5).

Aus Guilton in der südostenglischen Grafschaft Kent stammen darüber hinaus noch zwei bemerkenswerte Grabfunde, die häufig als eine sehr frühe Form der Thorshammer-Anhängern bezeichnet werden. In zwei durch Bryan Faussett im Jahre 1760 ausgegrabenen Frauengräbern befand sich in der Hüftgegend eine Anzahl kleiner Miniaturwaffen und -werkzeuge. An diesen wohl am Gürtel getragenen Gehängen waren insgesamt auch drei hammerförmige Objekte angebracht (siehe Abb. 4).13 Ob diese in das 6. Jahrhundert datierten Miniatur-Hämmer jedoch explizit Thorshämmer darstellen, ist schwer zu sagen und darf bezweifelt werden.14 Es sind seltene Ausnahmefunde, die anders als die Thorshammer-Anhänger am Gürtel getragen wurden; und zwar zusammen mit anderen Miniaturwaffen, wie etwa Speeren. Zudem ist der zeitliche Abstand zu den nordischen Exemplaren ziemlich groß. Die Vorbilder solcher Miniatur-Gehänge stammen jedenfalls aus dem bereits christianisierten Merowingerreich, welches zu dieser Zeit ohnehin einen sehr großen kulturellen und politischen Einfluss auf die Grafschaft Kent ausübte.15 Die Funktion solcher Miniaturwaffen-Gehängen dürfte allerdings sicherlich im Bereich apotropäischer, d.h. Unheil abwehrender, Amulette zu suchen sein. Von daher lässt sich eine Verbindung mit Thors Hammer sowie den noch älteren römischen Herkuleskeulen nicht gänzlich ausschließen.16

Miniatur-Anhänger aus Guilton, Kent

Abb. 4: Miniatur-Anhänger aus Guilton, Kent (nach Faussett 1856, Taf. 12)

Thorshammer-Anhänger aus Nordwestdeutschland

Aus der Gegend rund um Haithabu, dem bekannten frühmittelalterlichen Handelsort an der Schlei, sind schon seit langem zahlreiche Funde von Thorshammer-Anhänger bekannt (siehe Abb. 5).17 Sie lassen sich problemlos zu den vielen gefundenen Exemplaren aus Dänemark stellen. Denn der heute zu Deutschland gehörende Landesteil (Süd-)Schleswig war während der Wikingerzeit und auch noch lange danach, bis in das Jahr 1864 ein fester Bestandteil des dänischen Herrschafts- und Kulturraums. Funde von Thorshammer-Anhänger sind in dieser Gegend daher wenig verwunderlich und unterscheiden sich auch nicht wesentlich von jene aus dem restlichen Skandinavien. Wie aber sieht es weiter südlich und westlich, in den Siedlungsgebieten der Altsachsen und Friesen aus? War auch bei ihnen die Sitte Thorshämmer zu tragen verbreitet?

Thorshammer-Anhänger aus Haithabu

Abb. 5: Zwei bronzene (Mitte) und ein silberner (Vorder- und Rückseite) Thorshammer-Anhänger aus Haithabu.

Es sieht ganz danach aus! Zwar kann man die bisher auf altsächsischem und friesischem Gebiet gefundenen Thorshammer-Anhänger an einer Hand abzählen, dafür sind sie aber sowohl von ihrer Form und ihrem Fundkontext als auch von ihrer Zeitstellung her ganz besonders interessant.

Da wäre zum einen der Thorshammer von Nebel, auf der nordfriesischen Insel Amrum (Abb. 6), der bereits 1882 in der Nähe des großen bronzezeitlichen Grabhügels „Esenhugh“ gefunden wurde. Bei den Ausgrabungen dort konnte im Inneren des Grabhügels Nr. 35 eine Urne mit Leichenbrand geborgen werden. In ihr befand sich neben weiteren Beigaben, die auf eine weibliche Bestattung hindeuten, auch der eiserne Thorshammer sowie einige Glasperlen.18 Sein auffällig langer Stiel ist äußerst ungewöhnlich und auch sein Alter ist spannend: Die Bestattung wird nämlich dank der anderen Beigaben in das frühe 9. zum Teil auch das späte 8. Jahrhundert datiert.19 Thorshämmer mit ähnlich langem Stiel sind selten, wurden aber beispielsweise auf dem Gelände der Aggersborg – Dänemarks größter Wikingerburg – gefunden. Allerdings sind diese Exemplare gut 200 Jahre jünger als der Thorshammer von Nebel!

Thorshammer-Anhänger von Nebel

Abb. 6: Thorshammer-Anhänger von Nebel (Amrum): Originalzeichnung und künsterlischer Nachkoloration.

Weiter südlich aus der Gemeinde Kneitlingen im Landkreis Wolfenbüttel stammt ein weiteres bemerkenswertes Exemplar (Abb. 7), dessen Deutung als Thorshammer jedoch umstritten ist. Anders als bei allen anderen Anhängern, die quasi kopfüber befestigt waren, befindet sich beim bronzenen Hammer von Kneitlingen die Aufhängung am Kopf und nicht am Stielende. Auch seine Form und Verzierung sind bislang einzigartig. Leider handelt es sich bei dem Kneitlinger Exemplar um einen Lesefund, der ohne den für eine Datierung und Einordnung so wichtigen Kontext überliefert ist. Nicht zuletzt deswegen bleibt es äußerst fraglich, ob es sich bei dem Hammer von Kneitlingen wirklich um einen Thorshammer-Anhänger handelt, wie von manchen Autoren vermutet wird.20 Staecker etwa zählt solche Hammer-Anhänger aufgrund ihrer andersartigen Aufhängung generell nicht zu den Thorshammer-Anhängern. Stattdessen datiert er vergleichbare Exemplare, wie etwa den Hammer von Westerdeichstrich (Dithmarschen) ins Spätmittelalter.21

Hammer-Anhänger von Kneitlingen

Abb. 7: Hammer-Anhänger von Kneitlingen (Kreis Wolfenbüttel).

Zu Beginn des neuen Jahrtausends sorgte dann ein neuer Thorshammer-Fund aus dem Münsterland für Aufsehen. Der erstmalig 2001 von Christoph Grünewald publizierte Thorshammer-Anhänger wurde in einem Grubenhaus der altsächsischen Siedlung von Warendorf gefunden.22 Es handelt sich dabei um zwei eisernen Thorshämmer, die zusammen an einem einzelnen Ring befestigt waren (Abb. 8). Der Warendorfer Anhänger ähnelt somit einer Gruppe von Thorshammer-Anhänger an kleinen Ringen, die unter anderem an Wagenkästen angebracht waren. Vergleichbare Exemplare etwa aus Thumby-Bienebek oder Ketting (beide Schleswig) sind jedoch um einiges größer als die Thorshämmer von Warendorf, die von ihrer Größe her eher den bekannten, um den Hals getragenen Anhängern entsprechen.

Doch noch ein anderes Merkmal des Warendorfer Anhängers ist bemerkenswert: sein hohes Alter. Ursprünglich sogar auf die Zeit um 700 n.Z. geschätzt, datiert man den Fund heute in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts.23 Die genannten Vergleichsfunde aus Thumby-Bienebek und Ketting sind jedoch mindestens 150 Jahre jünger;24 ein zu großer zeitlicher Abstand, um eine direkte Verbindung zwischen den Funden herzustellen. Die Thorshämmer von Warendorf sind somit hinsichtlich ihrer Zeitstellung wie auch ihrer Form bislang völlig einzigartig.

Nicht zuletzt deswegen kann man heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, in welcher Form der Thorshammer-Fund von Warendorf verwendet wurde. Für die Anbringung an einer Art Holzkasten sprechen zwar einige Beifunde des Grubenhauses, dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich zwingend um einen Wagenkasten gehandelt haben muss.25 Auch eine Trageweise am Gürtel oder als sogar Halsanhänger, kann keinesfalls ausgeschlossen werden. Letztendlich können nur weitere, vergleichbare Neufunde mehr Klarheit in dieser Sache schaffen.

Thorshammer-Anhänger von Warendorf

Abb. 8: Thorshammer-Anhänger von Warendorf: Fundzeichnung (oben), künstlerische Nachkoloration (unten), Rekonstruktion (rechts).

Schließlich gibt es noch einen weiteren bemerkenswerten Thorshammerfund aus Dithmarschen an der deutschen Norseeküste, der heute nahezu in Vergessenheit geraten ist. Bei der Ausgrabung des Gräberfelds von Immenstedt im Jahre 1880 kam ein bronzener Thorshammer zum Vorschein, der an einer Kette mit bunten Perlen aufgereiht war (Abb. 9). Er befand sich in der Halsgegend einer weiblichen Körperbestattung im Grabhügel 14 P. Der äußerst fragile Fund wurde zwar mitsamt dem umgebenen Erdreich sorgsam geborgen, allerdings zerfiel er leider größtenteils zu Staub, da er zu früh während des Konservierungsprozesses berührt wurde. Dass dieser Thorshammer überhaupt für die Nachwelt festgehalten wurde, ist allerdings ein großer Glücksfall, denn das verantwortliche Grabungsteam um Johanna Mestorf leistete für die damalige Zeit wegweisende Arbeit. So konnte die ursprüngliche Form und Größe des Thorshammers noch rechtzeitig vorher zeichnerisch festgehalten werden und sogar die bunten Perlen wurden in der richtigen Reihenfolge wieder auf eine Schnur gezogen, wofür sich Mestorf sogar ausdrücklich selbst verbürgte.26 Unter den zu dieser Zeit üblichen Grabungsbedingungen wäre der Thorshammer von Immenstedt ansonsten mit Sicherheit bereits bei der Ausgrabung zerstört worden. Dank der Sorgfalt der Ausgräber ist er jedoch erhalten geblieben und dank der guten Dokumentation auch in seinem Kontext nachvollziehbar.

Und dieser Kontext hat es in sich: denn die Bestattung datiert in das 8. bis frühe 9. Jahrhundert27 und zeigt ohne jeden Zweifel, dass der Thorshammer als Anhänger um den Hals getragen wurde. Der Thorshammer von Immenstedt ist damit der älteste Beleg für die Trageweise dieser Anhänger als Halsschmuck überhaupt. Gleichzeitig ist er auch der älteste Thorshammer-Anhänger mit dem „klassischen“, für Dänemark und Schweden so typischen, kurzen Stiel; und zwar schon einige Generationen früher als in Skandinavien. Darüber hinaus gibt es auch keine Hinweise dafür, dass die Verstorbene aus Skandinavien stammen könnte. Im Gegenteil: Ihre Bestattungsweise in Süd-Nord-Richtung (mit dem Kopf im Süden und den Füßen im Norden) deutet ganz klar auf die Altsachsen hin, für die diese ungewöhnliche Grabausrichtung geradezu prägend ist. Der Thorshammer von Immenstedt ist somit zweifelsohne einer der wichtigsten Schlüsselfund für die Frühzeit der Thorshammer-Anhänger; auch wenn es zu ihm bislang keine weiteren, vergleichbaren Funde mit ähnlicher Datierung gibt.

Thorshammer-Anhänger von Immenstedt

Abb. 9: Thorshammer-Anhänger von Immenstedt (Dithmarschen): Originalzeichnung und künstlerische Nachkoloration.

Die drei Thorshämmer aus Nebel, Warendorf und Immenstedt sind somit in mehrfacher Hinsicht außergewöhnliche Funde. Sie belegen eindeutig, dass die Altsachsen und vermutlich auch die Friesen (falls das Frauengrab auf Nebel von den ersten friesischen Siedlern stammt) diese Amulette bereits kannten und nutzten. Und zwar lange bevor sich der Thorshammer-Brauch großflächig in Skandinavien nachweisen lässt. Es gibt überhaupt in ganz Skandinavien nur einen einzigen Thorshammer-Fund, der vergleichbar alt ist: der Thorshammerring von Valsgärde (Abb. 10).28 Allerdings hat dieser aus einem Hügelgrab bei Gamla Uppsala stammende Thorshammerring kaum Ähnlichkeiten mit den nordwestdeutschen Funden sowie den späteren am Hals getragenen Thorshammer-Amuletten Skandinaviens. Es ist vielmehr das frühste bekannte Exemplar, der vorrangig in Mittelschweden vorkommenden Thorshammerringe (vergleiche Abb. 2).

Thorshammerring von Valsgärde

Abb. 10: Thorshammerring von Valsgärde 6 (Gamla Uppsala).

Mit ihrer Datierung in die zweite Hälfte des 8. bis frühen 9. Jahrhunderts entstammen die drei nordwestdeutschen Funde einer äußerst turbulenten Zeit: der gewaltsamen Eroberung und Missionierung der Sachsen und Friesen durch das christliche Frankenreich. Die von 772 bis 804 wütenden Sachsenkriege haben dem heidnischen Resteuropa klar zu verstehen gegeben, wo künftig die kulturellen und religiösen Frontlinien verlaufen. Es ist bemerkenswert, dass diese Thorshämmer aus genau jener Zeit stammen, in der eine Abgrenzung der eigenen alten Traditionen gegenüber dem neu auftretenden Christentum notwendig war. Auch in Skandinavien kommen die Thorshammer-Anhänger erst mit Beginn der Christianisierung richtig in Mode und werden dort von der Forschung häufig als Identifikationsabzeichen und Gegensymbol zum christlichen Kreuz verstanden.29 Dies wäre durchaus auch für die nordwestdeutschen Exemplare denkbar.

Bedeuten die Befunde also, dass die Thorshammer-Anhänger zuerst von den alten Sachsen und Friesen als Reaktion auf die gewaltsame Christianisierung getragen wurden und einige Generationen später dann auch in Skandinavien aus ähnlichen Gründen Verwendung fanden? Ausschließen lässt sich das zwar nicht, aber bislang gibt es dafür noch nicht genügend Belege. Die sehr frühen Einzelfunde aus Nordwestdeutschland deuten vielmehr darauf hin, dass wir insgesamt doch nur sehr wenig über diese frühe Zeit wissen. Dafür verantwortlich dürfte nicht zuletzt auch die Tatsache sein, dass die allermeisten der besonders frühen Thorshammer-Anhänger und Ringe aus Eisen hergestellt wurden. Solche Funde sind heutzutage nach Jahrhunderten in der feuchten Erde meist bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Auf älteren Ausgrabungen wurden solche Funde auch häufig überhaupt nicht beachten und einfach weggeschmissen. Nur neue Ausgrabungen mit sorgfältiger Untersuchung der Eisenfunde (z.B. durch radiologische Bildverfahren) können da letztlich zu neuen Erkenntnissen führen.


Fußnoten

1.   Vgl. Staecker 1999, 535–538 (Nr. 58, 61 und 68). (zurück)
3.   Skáldskaparmál 33. (zurück)
4.   Gesta Danorum III, 11. Absatz. (zurück)
5.   Ältere literarische Quelle (Snorris und Saxos Werke stammen beide aus dem 13. Jh.) geben keine direkten Hinweise auf einen kurzen Hammerstiel. Auch die Thorshammer-Abbildungen auf den schwedischen Runensteinen von Altuna, Norra Åby und Stenkvista zeigen keinen verkürzten Stiel. (zurück)
6.   Die vor allem aus Birka und seinem Umland stammenden Thorshammerringe werden hier nicht darunter gezählt. (zurück)
7.   Staeckers (1999) Dissertation stammt aus dem Jahre 1995, wurde aber erst vier Jahre später veröffentlicht. (zurück)
8.   Vgl. Ström 1984, 130–135. (zurück)
9.   Siehe: Hadley & Richards 2016. – Zu weiteren Thorshammer-Anhänger aus dem Danelag siehe: Pestell 2013, 238–242. (zurück)
10.  Biddle & Kjølbye-Biddle 1992. – Jüngst zur Datierung: Jarman et al. 2018. (zurück)
11.  Vgl. dazu: Staecker 1999, 218. (zurück)
12.  Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Bestattungsweise der frühen Goten. Bei ihnen finden sich nämlich keine Waffen in den Gräbern, da es offensichtlich ein Tabu diesbezüglich gab. Aufgrund dieser Grabbefunde zu behaupten, die Goten hätten überhaupt keine Waffen besessen, würde wohl keiner so ohne weiteres kommen. Wie wir aus der Geschichte wissen, ist nämlich das genaue Gegenteil der Fall: Die Goten zählen zweifelsohne zu den kriegerischsten und militärisch erfolgreichsten Stämme des gesamten germanischen Kulturraums. (zurück)
13.  Faussett 1856, 9–13. – Die Ausgrabungsmethoden Faussetts waren für seine Zeit zwar äußerst fortschrittlich, aber natürlich keinesfalls heutigen Standards entsprechend. Trotzdem können die Funde durch die hervorragende Dokumentation Faussetts in ihrem Zusammenhang nachvollzogen werden, auch wenn heute viele der alten Funde leider verschollen sind. (zurück)
14.  Dazu: Werner 1964, 182; Meaney 1981, 148–162. (zurück)
15.  Vgl. Soulat 2013. (zurück)
16.  Vgl. Werner 1964. (zurück)
17.  Vgl. Schwarz-Mackensen 1978. (zurück)
18.  La Baume 1953, 79–80; Staecker 1999, 524 Nr. 20. (zurück)
19.  An das Ende des 8. Jh.: La Baume 1953, 79; Etwas später: Müller-Wille 1976, 58 Nr. 20. (zurück)
20.  So: Niquet 1966, 39. (zurück)
21.  Staecker 1999, 219. (zurück)
22.  Grünewald 2001. (zurück)
23.  So: Bulka 2008, 123. (zurück)
24.  Vgl. Staecker 1999, 132–134. (zurück)
25.  Vgl. Bulka 2008, 122. (zurück)
26.  Mestorf 1885, 33–34 sowie: 1888, 12; 17–18. (zurück)
27.  Stein 1967, 192. Müller-Wille 1976, 38 Anm. 128. (zurück)
28.  Vgl. Ström 1984, 135. (zurück)
29.  So Staecker 1999, 236. (zurück)

 

Literatur

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J. Werner, Herkuleskeule und Donar-Amulett. Jahrb. RGZM 11, 1964, 176–197.

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Sven

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