Eine altsächsische Wodan-Darstellung nördlich von Bremen

Wodan Gürteldorn

Nordwestlich von Bremen, direkt an der Mündung der Hunte in die Weser, befindet sich die Stadt Elsfleth, die unter Archäologen seit einigen Jahren für Aufmerksamkeit sorgt (siehe Karte Abb. 1). Dort, auf einem unscheinbaren Acker im Bereich des ehemaligen Uferwalls treten in regelmäßigen Abständen äußerst interessante Funde zu tage. Neben einer großen Menge Keramik sind es insbesondere die zahllosen Metallfunde, die den „Hogenkamp“ genannten Fundplatz auszeichnen.

Einer der beeindruckendsten Funde der letzten Jahre ist ein silberner Gürteldorn mit einer auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Gesichtsdarstellung (Abb.1). Gürtelschnallen mit einer solchen schildartig verbreiterten und verzierten Basis sind keine Seltenheit. Sie sind bekannt aus zahlreichen fränkischen Bestattungen der Zeit um 600 (bzw. 10.600 HE) und sind oftmals mit Gesichts- bzw. Maskendarstellungen geschmückt.1 Solchen Maskenmotiven wird generell eine Unheil abwehrende Funktion zugeschrieben. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass derartige Gürtelschnallen besonders häufig in Kriegergräbern gefunden werden.

Was oder wen genau diese Masken darstellen sollen, lässt sich dabei aber kaum mit Sicherheit sagen. Die frühsten Vertreter dieser Motivgruppe dürften aus paganen oder synkretistischen Kontexten stammen und finden sich häufig auf Metallobjekten im Tierstil I. Da diese Maskenmotive aber auch später noch im bereits christlichen Frankenreich weiter verwendetet wurden, wird häufig eine Umdeutung dieser Symbolik hin zu einem christlichen Heilsbild angenommen. Funktional bleibt also alles beim Alten.

Elsflether Gürteldorn

Abb. 1: Elsflether Gürteldorn und räumliche Lage des Fundorts.

Was den Elsflether Gürteldorn so besonders macht, ist ein kleines aber entscheidendes Detail: das linke Auge der Gesichtsdarstellung fehlt und dass nicht etwa zufällig durch die schlechte Erhaltung im Boden! Eine mikroskopische Nahaufnahme der Augenpartie macht deutlich, dass die schwarze Niello-Füllung, die im rechten Augen noch vorhanden ist, offensichtlich mittels eines sehr feinen Werkzeugs vorsichtig herausgelöst wurde.2 Eine bewusste Umgestaltung also, die natürlich sofort einen Zusammenhang mit dem einäugigen Wodan-Odin nahelegt. Allerdings ist der Verlust seines Auges erst in den späteren altnordischen Schriftquellen explizit erwähnt.3

Direkte Abbildungen der Asen sind in der germanischen Bildkultur generell sehr selten. Der größte und älteste diesbezügliche Bildschatz stammt von den völkerwanderungszeitlichen Goldbrakteaten, die etwa um die Jahrzehnte vor und nach 500 hergestellt wurden. Von dort gibt es einige Abbildungen, die mit einiger Sicherheit mit Wodan in Verbindung zu bringen sind. Allerdings handelt es sich dabei immer um Profildarstellungen auf denen man naturgemäß immer nur ein einziges Auge sehen kann.

Zwischen 2015 und 2017 wurde dann die Fundstelle und die nähere Umgebung des Elsflether Gürteldorns erstmalig intensiv archäologisch untersucht und teilweise auch ausgegraben.4 Dabei konnten unter anderem Gusstiegeln und Schlacken gefunden werden, was den Verdacht erhärtet, dass an diesem Ort tatsächlich einmal eine Werkstatt zur Buntmetallverarbeitung gewesen sein muss.5Dieser spannende Befund ist für die Einordnung des Gürteldorns von großer Bedeutung: Es scheint ganz so, wäre ein fränkischer Gürteldorn in einer altsächsischen Buntmetallwerkstatt bewusst umgestaltet worden, um dem heidnischen Geschmack der einheimischen Bevölkerung (und potentiellen Kundschaft) zu entsprechen: mit dem Angesicht Wodans!

Goldbrakteat IK 74 aus Heide (Dithmarschen)

Abb. 2: Goldbrakteat IK 74 aus Heide (Dithmarschen): der „Brakteaten-Zauberer“ mit Tieren und „Alu“-Runeninschrift. Kolorierung zur besseren Übersicht.

Selbstverständlich ist man in ur- und frühgeschichtlichen Kontexten mit einer kräftigen Portion Vorsicht und Zurückhaltung immer gut beraten; besonders was die Interpretationen und Verknüpfungen von archäologischen Funden mit literarischen Quellen betrifft. Im Falle des Elsflether Gürteldorns sprechen jedoch gute Gründe dafür, dass es sich tatsächlich um eine Wodan-Darstellung handeln könnte.

Da wäre zum einen die bewusste, mit sehr viel Feingefühl ausgeführte Entfernung des linken Auges, die offensichtlich im Kontext eines Werkstattareals passiert ist. Ein wohl christliches Heilsbild in eine Wodan-Darstellung zu verwandeln ist zudem äußerst naheliegend, da wir von der engen Verknüpfung Wodans mit dem Heilungs- und Schutzaspekt im Altsächsischen Raum dank des zweiten Merseburger Zauberspruchs sowie einiger Goldbrakteaten-Motive gute Kenntnis haben (vgl. Abb. 2).

Zum anderen ist es aber auch die Fundregion: Sie liegt klar im Siedlungs- und Einflussgebiet der zu dieser Zeit (um 600) noch heidnischen Altsachsen, die über Jahrhunderte in einem sehr wechselvollen Verhältnis zum christlichen Frankenreich standen. Kriegerische Auseinandersetzungen aber auch friedliche Handelsaktivitäten brachten einen steten Strom fränkischer Güter in die heidnischen Nordlande, die noch bis zum Ende des 8. und Anfang des 9. Jahrhunderts ihre kulturelle Eigenständigkeit gegenüber dem mächtigen Frankenreich wahren konnten. Es ist daher leicht vorstellbar, dass es ein Verlangen danach gab, fränkische Waren nach eigenem Empfinden umzugestalten. Dass die heidnischen Sachsen und ihre friesischen Nachbarn6 Wodan hoch in Ehren hielten, ist aus zahlreichen Schriftquellen bekannt und auch seine Einäugigkeit – trotz ihrer erst späteren Erwähnung in den altnordischen Quellen– zählt mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem seiner ältesten Attribute, für die es nicht zuletzt auch indoeuropäischen Vergleiche gibt.7

Fußnoten

1. Vgl. Mückenberger 2013, 166 Abb. 9. (zurück)
2. Mückenberger 2013, 164, Abb. 6. (zurück)
3. Völuspá 28–29. (zurück)
6. Nicolay 2017. (zurück)
7. Vgl. West 2007, 194 ff. (zurück)
Literatur

Mückenberger 2013
K. Mückenberger, Eine frühe Wodan-/Odin-Darstellung an der Huntemündung? In: B. Ludowici (Ed.), Individual and individuality? Approaches towards an archaeology of personhood in the First Millennium AD. Neue Studien zur Sachsenforschung 4 (Stuttgart 2013) 159–168.

Nicolay 2017
J. A. W. Nicolay, Odin in Friesland. Scandinavian influences in the southern North Sea area during the Migration and Early Merovingian Periods. In: B.V. Eriksen/A. Abegg-Wigg/R. Bleile/U. Ickerodt (Eds.), Interaktion ohne Grenzen. Beispiele archäologischer Forschung am Beginn des 21. Jahrhunderts. (Schleswig 2017) 499–514.

West 2007
M. L. West, Indo-European Poetry and Myth (Oxford 2007).

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Sven

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1 Antwort

  1. Armin sagt:

    Sehr schöner, langer, gut zu lesender Artikel! Danke 🙂

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